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Warum wir manchmal lieber bleiben, wie wir sind: Die verborgenen Vorteile alter Muster

Immer Ja sagen, immer die Nette sein, lieber der Schwächere bleiben: Alte Muster kosten Kraft, aber sie geben uns auch etwas. Was die Forschung über diese verborgenen Vorteile weiß und warum die Frage „Hat das auch Vorteile?“ so viel öffnen kann.

Eine grüne Form, geborgen in einer schützenden blauen Schale, daneben ein offener Weg nach draußen

Das Wichtigste in Kürze

  • Muster, die wir eigentlich ändern wollen, erfüllen oft eine Funktion: Sie schützen Zugehörigkeit, Sicherheit oder den Selbstwert.
  • Verluste wiegen psychologisch schwerer als Gewinne. Deshalb fühlt sich das Vertraute oft sicherer an, auch wenn es uns schadet.
  • Wer den Gewinn eines Musters versteht, muss sich nicht mehr selbst verurteilen und kann nach anderen Wegen suchen, dasselbe Bedürfnis zu erfüllen.
  • Entscheidend ist die Haltung: verstehen statt abwägen. Reine Pro-und-Contra-Listen können die Veränderungsbereitschaft sogar senken.

Du nimmst dir vor, öfter Nein zu sagen, und sagst doch wieder Ja. Du willst mehr für dich einstehen und bleibst trotzdem lieber im Hintergrund. Das ist keine Charakterschwäche. Oft hat ein altes Muster einen guten Grund: Es gibt uns etwas, das wir nicht verlieren wollen. Wer diesen verborgenen Vorteil kennt, versteht sich selbst besser und kann freier entscheiden.

Wie aus Konflikten im Außen innere Muster werden, beschreiben wir im Beitrag Innere Konflikte. Hier geht es um die Frage, warum diese Muster so hartnäckig sind.

Eine alte Beobachtung

Schon Sigmund Freud fiel auf, dass Menschen an Problemen festhalten, unter denen sie leiden. Er beschrieb, dass ein solches Festhalten einen Vorteil bringen kann, etwa als bequemster Ausweg aus einem inneren Konflikt1. Die Psychoanalyse spricht seitdem vom Sekundärgewinn. Wir verwenden den Gedanken hier bewusst für ganz alltägliche Muster: Auch eine Gewohnheit, die uns stört, kann uns gleichzeitig schützen.

Warum sich Bleiben sicherer anfühlt

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat mit Jack Knetsch und Richard Thaler gezeigt, dass Verluste psychologisch schwerer wiegen als gleich große Gewinne, nach ihren Daten etwa doppelt so schwer2. Daraus folgt eine messbare Vorliebe für den bestehenden Zustand, der sogenannte Status-quo-Bias2.

Bei Veränderung ist das Verhältnis besonders ungünstig. Was wir aufgeben, ist sicher und vertraut. Was wir gewinnen könnten, ist ungewiss. Kein Wunder, dass das Alte oft gewinnt, selbst wenn wir es eigentlich hinter uns lassen wollen.

Was ein Muster schützt

Der deutsche Psychotherapieforscher Klaus Grawe, lange Professor an der Universität Bern, beschrieb vier psychologische Grundbedürfnisse: Bindung, Kontrolle, Lust und die Erhöhung des Selbstwerts. Werden sie dauerhaft vernachlässigt, gerät das seelische Gleichgewicht aus dem Lot3. Viele Muster lassen sich als Versuch verstehen, eines dieser Bedürfnisse zu sichern, auch wenn ein anderes dabei zu kurz kommt.

Besonders stark ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Die US-Psychologen Roy Baumeister und Mark Leary kamen in einer großen Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass der Wunsch dazuzugehören eine grundlegende und sehr weit verbreitete menschliche Motivation ist. Menschen gehen Bindungen leicht ein und geben sie nur ungern auf4.

Drei Beispiele zeigen, wie das im Alltag aussieht:

  • Immer Ja sagen. Der Gewinn: Harmonie, keine Konfrontation, das Gefühl, gebraucht zu werden und dazuzugehören. Der Preis: Die eigenen Wünsche kommen zu kurz, und irgendwann wächst die Erschöpfung.
  • Immer die Nette, der Nette sein. Der Gewinn: gemocht werden und Ablehnung vermeiden. Der Preis: Ärger wird geschluckt, Nähe bleibt oft oberflächlich, weil das echte Ich nicht zu sehen ist.
  • Lieber die Schwächere, der Schwächere bleiben. Der Gewinn: Andere kümmern sich, die Verantwortung liegt woanders, und ein Scheitern trifft weniger hart. Der Preis: Man traut sich selbst immer weniger zu.

Zum letzten Punkt passt ein klassisches Experiment der US-Sozialpsychologen Steven Berglas und Edward E. Jones. Wer sich seiner Fähigkeiten unsicher war, wählte vor einer weiteren Aufgabe deutlich häufiger ein Mittel, von dem er annahm, dass es die eigene Leistung verschlechtert5. Die Forschung nennt das Selbstbehinderung: Wer nicht mit voller Kraft antritt, kann nicht richtig scheitern. Das schützt kurzfristig den Selbstwert und kostet langfristig Erfolg.

Konkurrierende Verpflichtungen

Robert Kegan und Lisa Lahey von der Harvard Graduate School of Education haben für dieses Phänomen ein eingängiges Modell entwickelt6. Menschen wollen sich oft ehrlich verändern und investieren gleichzeitig unbewusst Energie in eine konkurrierende Verpflichtung. Dahinter steht eine große Annahme, die man selten ausspricht, etwa: „Wenn ich Nein sage, werde ich nicht mehr gemocht.“

Ihr Vorschlag: Diese Annahme zuerst nur beobachten, dann nach Gegenbeispielen suchen, ihre Geschichte verstehen und sie schließlich in einem kleinen, ungefährlichen Experiment überprüfen6. Aus „Ich darf nie Nein sagen“ wird so eine überprüfbare Frage: Was passiert wirklich, wenn ich dieses eine Mal Nein sage?

Verstehen statt abwägen

Der US-Psychologe William R. Miller und der britische Psychologe Stephen Rollnick haben mit der Motivierenden Gesprächsführung einen Ansatz entwickelt, der Ambivalenz als normalen Teil von Veränderung versteht: Man will etwas ändern und gleichzeitig nicht8. Interessant ist eine Arbeit von Miller und Gary Rose. Sie zeigt, dass ein neutrales Abwägen von Vor- und Nachteilen bei Menschen, die noch schwanken, die Bereitschaft zur Veränderung eher senken kann. Hilfreicher ist es, die eigenen Gründe und Werte für eine Veränderung hervorzulocken7.

Für die Frage nach den Vorteilen heißt das: Sie dient dem Verstehen, nicht der Buchhaltung. Es geht nicht darum, ob das alte Muster „unterm Strich“ gut oder schlecht ist. Es geht darum, welches Bedürfnis es erfüllt, damit du einen besseren Weg findest, genau dieses Bedürfnis zu erfüllen.

Vier Fragen helfen dabei:

  • Was gewinne ich, wenn ich so bleibe? Ehrlich und ohne Urteil.
  • Wovor schützt mich das? Welche Sorge würde wahr, wenn ich es anders mache?
  • Was kostet es mich? Im Alltag, in Beziehungen, bei der Arbeit.
  • Wie könnte ich das Gute daran anders bekommen? Zugehörigkeit etwa auch dann, wenn ich einmal Nein sage.

Unsere Ideen für MindMotion

MindMotion ist keine Therapie und bietet keine an. Die App ist ein Werkzeug zur psychologischen Selbstreflexion, näher am Coaching. Aus den Erkenntnissen oben leiten wir Ideen ab, die zum Teil in Planung sind und mit Nutzerinnen und Nutzern getestet werden.

  • „Hat das auch Vorteile?“ Nachdem der Mind-Check ein Muster sichtbar gemacht hat, fragt die App behutsam, was dir dieses Muster gibt. Ohne Wertung, mit Beispielen zum Antippen.
  • Gewinn und Preis auf einen Blick. Zu jedem Muster zeigt die App, was es schützt und was es kostet, in deinen eigenen Worten. Keine Punkte, keine Bilanz.
  • Die Annahme dahinter. Die App hilft dir, den Satz zu formulieren, der dein Muster trägt: „Ich nehme an, wenn ich …, dann …“.
  • Mini-Experimente als Moves. Ein kleiner, sicherer Test der Annahme, etwa einmal freundlich Nein sagen, und danach ein kurzer Rückblick: Was ist wirklich passiert?
  • Das Bedürfnis anders erfüllen. Die App fragt, wie du dasselbe Bedürfnis, etwa Zugehörigkeit oder Sicherheit, auf einem neuen Weg erfüllen kannst, und verbindet das mit deinen Werten.
  • Dein Tempo zählt. Wenn du merkst, dass du (noch) nicht verändern willst, ist das in Ordnung. Die App drängt nicht, sondern bleibt beim Verstehen.

Welche Techniken beim Auflösen innerer Konflikte helfen, liest du in Innere Konflikte auflösen, warum Veränderung Zeit braucht, in Veränderung braucht Zeit. Und wenn du sehen willst, welche Muster bei dir wirken, probier den Mind-Check aus.

Quellen

  1. Fine, A.: Flight into illness. In: de Mijolla, A. (Hrsg.), International Dictionary of Psychoanalysis. Encyclopedia.com
    www.encyclopedia.com/psychology/dictionaries-thesauruses-pictures-and-press-releases/flight-illness
  2. Kahneman, D., Knetsch, J. L. & Thaler, R. H. (1991). Anomalies: The endowment effect, loss aversion, and status quo bias. Journal of Economic Perspectives, 5(1), 193–206. Princeton University
    kahneman.scholar.princeton.edu/document/9
  3. Schneider, R. (2005). Gelungener Brückenschlag. Rezension von Grawe, K.: Neuropsychotherapie (Hogrefe). Gehirn&Geist 4/2005. Spektrum der Wissenschaft
    www.spektrum.de/rezension/neuropsychotherapie/779634
  4. Baumeister, R. F. & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. Duke University
    scholars.duke.edu/publication/677016
  5. Berglas, S. & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36(4), 405–417. PubMed (NIH)
    pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/650387
  6. Kegan, R. & Lahey, L. L. (2001). The real reason people won’t change. Harvard Business Review, November 2001. Harvard Business Review
    hbr.org/2001/11/the-real-reason-people-wont-change
  7. Miller, W. R. & Rose, G. S. (2015). Motivational interviewing and decisional balance: Contrasting responses to client ambivalence. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 43(2), 129–141. Cambridge University Press
    www.cambridge.org/core/journals/behavioural-and-cognitive-psychotherapy/article/motivational-interviewing-and-decisional-balance-contrasting-responses-to-client-ambivalence/74496E66A2D5625296F9B2EEE805B359
  8. Enhancing Motivation for Change in Substance Use Disorder Treatment (TIP 35, 2019), Chapter 3: Motivational Interviewing as a Counseling Style. SAMHSA / NCBI Bookshelf (NIH)
    www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK571068
  9. TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
    www.telefonseelsorge.de

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Dieser Beitrag dient der Information. MindMotion ist ein Angebot zur psychologischen Selbstreflexion und bietet keine Psychotherapie an. Beitrag und App sind kein Ersatz für eine psychotherapeutische oder ärztliche Abklärung oder Behandlung. Wenn es dir länger schlecht geht, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychotherapeutischen Praxis. In einer akuten Krise erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähle 112.