Veränderung braucht Zeit: Warum Rückschläge dazugehören und ein regelmäßiger Check-in hilft
Einsicht ist der Anfang, nicht das Ende. Was die Forschung über den Verlauf von Veränderung sagt, warum es zwischendurch schwerer werden darf und wie drei einfache Fragen helfen, dranzubleiben.
Das Wichtigste in Kürze
- Veränderung verläuft selten geradlinig. Sprünge, Plateaus und Phasen, in denen es vorübergehend schwerer wird, sind gut beschrieben.
- Neue Gewohnheiten brauchen im Schnitt etwa zwei Monate, mit großen Unterschieden. Ein ausgelassener Tag wirft dich kaum zurück.
- Ein Ausrutscher ist kein Scheitern. Entscheidend ist, wie du ihn deutest: als Lernmoment statt als Beweis, dass es nicht klappt.
- Regelmäßig auf den eigenen Fortschritt zu schauen, hilft nachweislich beim Erreichen von Zielen. MindMotion baut daraus einen Check-in zur Selbstreflexion.
Wer ein inneres Muster erkannt hat, wünscht sich oft, dass es damit erledigt ist. Doch Einsicht ist der Anfang, nicht das Ende. Zwischen „Jetzt verstehe ich, warum ich so reagiere“ und „Ich reagiere anders“ liegen Wochen, manchmal Monate, mit guten Tagen und mit Rückschlägen. Dieser Beitrag zeigt, was die Forschung über diesen Weg weiß und wie man ihn gut geht.
Was innere Konflikte sind, erklären wir im Beitrag Innere Konflikte, wie man sie auflösen kann, in Innere Konflikte auflösen. Hier geht es um die Zeit danach: um Geduld, Kraft und darum, dranzubleiben.
Veränderung verläuft nicht geradlinig
Lange ging die Psychotherapieforschung davon aus, dass Veränderung gleichmäßig und linear verläuft. Genauere Messungen zeigen ein anderes Bild1. Manche Menschen machen zwischen zwei Sitzungen einen deutlichen Sprung nach vorn, der anhält. Bei anderen gibt es Phasen, in denen es vorübergehend schwerer wird, bevor es besser wird, etwa wenn man sich bewusst mit etwas auseinandersetzt, das man lange vermieden hat1.
Für den Alltag heißt das: Wenn es nach einer wichtigen Erkenntnis erst einmal unruhiger wird, ist das kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Wer ein vertrautes Muster verlässt, betritt unbekanntes Gelände. Das kostet Kraft und fühlt sich oft erst einmal unsicher an.
Wie lange dauert das?
Eine klassische Studie von Howard und Kollegen aus dem Jahr 1986 fand, dass der Fortschritt in einer Psychotherapie anfangs schnell und später langsamer kommt. Etwa die Hälfte der Klientinnen und Klienten zeigte nach acht Sitzungen eine messbare Verbesserung, rund drei Viertel nach 26 Sitzungen2. Eine große Untersuchung aus der Routineversorgung mit über 6.000 Klientinnen und Klienten bestätigte diese Kurve: Viel bewegt sich am Anfang, danach wird es langsamer. Wer länger dranblieb, erreichte häufiger eine deutliche Verbesserung2.
Auch neue Gewohnheiten brauchen Zeit. In einer viel beachteten Studie des University College London übten 82 Menschen täglich ein neues Verhalten ein. Bis es sich automatisch anfühlte, dauerte es im Schnitt 66 Tage, je nach Person und Verhalten zwischen 18 und geschätzt 254 Tagen. Ein einzelner ausgelassener Tag hatte kaum Einfluss, viele Auslassungen dagegen schon3.
Die gute Nachricht darin: Es ist normal, wenn es länger dauert als gedacht. Und es muss nicht perfekt sein.
Bereitschaft ist kein Schalter
Das Transtheoretische Modell von Prochaska und Kollegen beschreibt Veränderung als Abfolge von Stadien: von „Ich sehe noch kein Problem“ über „Ich denke darüber nach“ und „Ich bereite mich vor“ bis zu „Ich handle“ und „Ich halte es aufrecht“. Eine Metaanalyse über 76 Studien mit fast 26.000 Personen zeigte: Wie weit jemand zu Beginn schon war, hing mit dem späteren Ergebnis zusammen (d = 0,41)4.
Daraus folgt etwas Entlastendes: Wer noch abwägt, ist nicht „unmotiviert“, sondern an einem anderen Punkt des Weges. Gute Begleitung holt Menschen dort ab, wo sie stehen, statt sie zu drängen.
Rückschläge: Ein Ausrutscher ist kein Rückfall
Besonders gut untersucht ist der Umgang mit Rückschlägen in der Forschung zu Suchtverhalten. Das Modell des US-Psychologen G. Alan Marlatt unterscheidet zwischen einem einzelnen Ausrutscher und einem echten Rückfall in alte Muster5. Ob aus dem einen das andere wird, hängt stark davon ab, wie man den Ausrutscher deutet. Wer ihn als Beweis für eigenes Versagen sieht („Ich habe eben keine Willenskraft“), gibt eher ganz auf. Wer ihn als Folge einer bestimmten, schwierigen Situation versteht, kann daraus lernen und sich besser vorbereiten5. Marlatt beschreibt Ausrutscher deshalb ausdrücklich als Lerngelegenheiten5.
Das Prinzip lässt sich gut auf innere Muster übertragen. Wenn du in einem Streit doch wieder in die alte Rolle rutschst, ist das kein Rückschritt auf null. Es ist eine Information: In welcher Situation passiert es, was war der Auslöser, was brauchst du beim nächsten Mal?
Dazu passt eine Reihe von vier Experimenten aus Berkeley. Menschen, die nach einem Fehler freundlich mit sich umgingen, waren danach motivierter, sich zu verbessern, als Menschen, die nur ihr Selbstwertgefühl stärkten. Nach einem nicht bestandenen Test lernten sie zum Beispiel länger für den zweiten Versuch6. Selbstmitgefühl macht also nicht bequem. Es hilft, nach einem Rückschlag weiterzumachen.
Wo stehe ich? Warum Standortbestimmung hilft
Eine Metaanalyse im Psychological Bulletin über 138 Studien kam zu einem klaren Ergebnis: Wer angeregt wird, den eigenen Fortschritt regelmäßig zu überprüfen, erreicht seine Ziele eher (d = 0,40). Der Effekt war stärker, wenn der Fortschritt aufgeschrieben oder mit anderen geteilt wurde7.
Auch in der Psychotherapie wird das Prinzip zunehmend genutzt. Viele Therapeutinnen und Therapeuten erfragen regelmäßig, wie es ihren Klientinnen und Klienten geht, und nutzen diese Rückmeldung für die weitere Arbeit. Eine Metaanalyse über 58 Studien mit fast 22.000 Personen fand dafür einen kleinen, aber verlässlichen Vorteil: etwas bessere Ergebnisse und weniger Abbrüche8. Im deutschsprachigen Raum hat der Trierer Psychotherapieforscher Wolfgang Lutz die Forschung zu Verlauf und Rückmeldung stark mitgeprägt, unter anderem mit der oben genannten Studie zum Verlauf2. Ehrlich eingeordnet: Der Effekt ist klein, und untersucht wurde er in Therapien, nicht in Apps. Die Richtung ist aber eindeutig.
Ein guter Check-in braucht keine Tabellen. Drei Fragen reichen oft:
- Wo stehe ich gerade? Nicht im Vergleich zu anderen, sondern zu dir vor ein paar Wochen.
- Wo will ich hin? Passt mein Ziel noch, oder hat sich etwas verschoben?
- Was habe ich schon erreicht? Auch kleine Schritte zählen, gerade wenn es sich zäh anfühlt.
Unsere Ideen für MindMotion
MindMotion ist keine Therapie und bietet keine an. Die App ist ein Werkzeug zur psychologischen Selbstreflexion, näher am Coaching. Aus den Erkenntnissen oben leiten wir Ideen ab, die dir helfen sollen, auf deinem Weg dranzubleiben. Vieles davon ist in Planung und wird mit Nutzerinnen und Nutzern getestet.
- Der Wochen-Check-in. Einmal pro Woche die drei Fragen: Wo stehe ich, wo will ich hin, was habe ich schon erreicht? In zwei Minuten, auf Wunsch per Diktat.
- Deine Balance im Verlauf. Statt eines Tageswerts zeigt die App den Trend über Wochen. Ein schlechter Tag fällt darin kaum ins Gewicht, ein langsamer Aufwärtstrend wird sichtbar.
- Rückblick in deinen eigenen Worten. Nach einigen Wochen zeigt dir die App, wie du deinen Konflikt am Anfang beschrieben hast. So wird Fortschritt greifbar, der im Alltag leicht untergeht.
- Rückschläge ohne Urteil. Wenn du einen Ausrutscher einträgst, fragt die App nach der Situation und dem Auslöser und hilft dir, einen Plan für das nächste Mal zu machen. Kein rotes Kreuz, keine verlorene Serie.
- Energie-Check. An Tagen mit wenig Kraft schlägt die App kleinere Moves vor. Dranbleiben zählt mehr als Tempo.
- Ziele nachjustieren. Im Check-in kannst du dein Wochenziel anpassen, wenn es zu groß, zu klein oder nicht mehr das richtige ist.
- Eine Brücke, wenn es stockt. Wenn sich über längere Zeit nichts bewegt oder es dir deutlich schlechter geht, sagt die App das offen und zeigt dir, wo du professionelle Unterstützung findest.
Warum die Beziehung auch bei digitaler Begleitung zählt, beschreiben wir im Beitrag Beziehung zuerst. Und wenn du sehen willst, wo du gerade stehst, probier den Mind-Check aus.
Quellen
- Hayes, A. M., Laurenceau, J.-P., Feldman, G., Strauss, J. L. & Cardaciotto, L. (2007). Change is not always linear: The study of nonlinear and discontinuous patterns of change in psychotherapy. Clinical Psychology Review, 27(6), 715–723. PubMed (NIH)
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17316941 - Stulz, N., Lutz, W., Kopta, S. M., Minami, T. & Saunders, S. M. (2013). Dose–effect relationship in routine outpatient psychotherapy: Does treatment duration matter? Journal of Counseling Psychology, 60(4), 593–600. CORE (Open University)
core.ac.uk/download/213076166.pdf - How to form a habit: Bericht über Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W. & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology. British Psychological Society, Research Digest
bps.org.uk/research-digest/how-form-habit - Krebs, P., Norcross, J. C., Nicholson, J. M. & Prochaska, J. O. (2018). Stages of change and psychotherapy outcomes: A review and meta-analysis. Journal of Clinical Psychology, 74(11), 1964–1979. University of Rhode Island
digitalcommons.uri.edu/psy_facpubs/408 - Larimer, M. E., Palmer, R. S. & Marlatt, G. A. (1999). Relapse prevention: An overview of Marlatt’s cognitive-behavioral model. Alcohol Research & Health, 23(2), 151–160. PubMed Central (NIH)
pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6760427 - Breines, J. G. & Chen, S. (2012). Self-compassion increases self-improvement motivation. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(9), 1133–1143. PubMed (NIH)
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22645164 - Harkin, B., Webb, T. L., Chang, B. P. I., Prestwich, A., Conner, M., Kellar, I., Benn, Y. & Sheeran, P. (2016). Does monitoring goal progress promote goal attainment? A meta-analysis of the experimental evidence. Psychological Bulletin, 142(2), 198–229. White Rose Research Online (Universities of Leeds, Sheffield, York)
eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/87431/1/bul%20harkin%20raw%20final.pdf - de Jong, K. et al. (2021). Using progress feedback to improve outcomes and reduce drop-out, treatment duration, and deterioration: A multilevel meta-analysis. Clinical Psychology Review, 85, 102002. Erasmus Universität Rotterdam
pure.eur.nl/en/publications/using-progress-feedback-to-improve-outcomes-and-reduce-drop-out-t - TelefonSeelsorge Deutschland. telefonseelsorge.de
www.telefonseelsorge.de
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Dieser Beitrag dient der Information. MindMotion ist ein Angebot zur psychologischen Selbstreflexion und bietet keine Psychotherapie an. Beitrag und App sind kein Ersatz für eine psychotherapeutische oder ärztliche Abklärung oder Behandlung. Wenn es dir länger schlecht geht, sprich mit deiner Hausarztpraxis oder einer psychotherapeutischen Praxis. In einer akuten Krise erreichst du die TelefonSeelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wähle 112.